Zwecknuss

Hoch oben, wo der Wind im Blattwerk pfeift,
huscht lebendig Rost im Zweiggespinst.
Der Herbst, er wirft Eicheln, die es greift,
als wär’s ein Königskind.

Es trägt den Fund in Moos und Wurzelgrund,
sorgt zwar für später, doch tut es jetzt.
Der Winter naht, mit vollgestopftem Mund.
Kein Zweifel kennt, wer Sattsein schätzt.

Der Wipfel wippt, sein Fell ein Strahl,
ein Sprung in das Geäst.
Der Mensch dreht Zahlen, Wunsch und Qual,
vergisst dabei den Rest.

Es rennt die Rinde abwärts, schreit vergnügt,
als hätte seine Welt kein Ende;
der Mensch schaut zu, aber notiert die Zeit,
die ihm derweil rinnt durch seine Hände.

Es lacht das Ticken einfach weg,
sein Schweif wie leuchtendes Papier.
Der Mensch macht derweil den Börsencheck,
denkt: „Futterkrise hier.“

Die Nacht legt Finsternis auf Baum und Stadt,
der Schlaf sinkt tief in Borke, Fell und Glieder.
Der Mensch bleibt wach, weil er noch Zweifel hat,
kennt sie auswendig, als sänge er alte Lieder.

Ein Ast zerbricht, der Morgen zieht herauf,
der Boden taut, das Licht beginnt zu rufen.
Ein Trieb erhebt sich, folgt seinem Lauf.
Das Tier erwacht, der Mensch zählt Stufen.

Aus dem Zyklus „Augenblicke ohne Alarm“

Ein Wort, ein Tier, ein Ding, ein Moment.
So klein die Ausgangspunkte, so weit das Echo.

»Augenblicke ohne Alarm« ist mein erster Gedichtzyklus – und vielleicht deshalb so frei von Regeln, so nahe an dem, was ich selbst beim Schreiben gesucht habe: eine Art stilles Erkennen. Nicht die große Erkenntnis, sondern diese kurzen, weichen Stellen im Tag, an denen man das Gefühl hat, das Leben flüstert etwas – man müsste nur aufhören zu denken, um es zu hören.

Ich habe mich von Dingen inspirieren lassen, die man schnell übersieht: ein Regenschirm, der vergessen in der U-Bahn liegt. Eine Katze, die schnurrt, während wir Termine verwalten. Ein Toaster, der mehr über Zeit versteht als wir.
Diese Gedichte sprechen nicht laut. Sie drängen sich nicht auf. Aber sie haben für mich etwas, das mich immer wieder zu ihnen zurückzieht: sie kennen keinen Alarm. Kein „Muss“, kein „Bald“, kein „Schon wieder“.
Nur jetzt.

Vielleicht erzählen sie davon, wie die Welt sein könnte, wenn wir sie mehr fühlen als messen würden. Vielleicht aber sind sie einfach nur das: kleine poetische Erinnerungen daran, dass auch im Einfachen Bedeutung wohnt – wenn wir sie lassen.

Dass dies eines meiner ersten vollständigen Werke ist, macht es für mich umso besonderer. Ich habe mich beim Schreiben nicht wie ein Dichter gefühlt. Eher wie jemand, der endlich zugehört hat.
Und ich hoffe, dass auch du beim Lesen nicht nur liest – sondern vielleicht manchmal kurz innehältst. Und etwas hörst.

Arne

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